Copyright: 2017 Jordi Rodríguez-Amat

Dieser Text ist in der Abteilung für Kultur der Katalanische Regierung registriert worden.

 

DER TRAUM VON ORPHEUS

 

Ich gehe gern in den großen Städten nach links und rechts schauend spazieren. Eines Tages in einem Monat Mai flanierte ich ganz ruhig an einer Straße östlich von Paris entlang, als ich plötzlich einen altertümlich gekleideten Mann mit nackter linker Brust sah. Ein wadenlanger Rock bedeckte seine Beine bis weit über die Knie. Dieser Charakter hatte in seinen Händen ein Musikinstrument, dessen Namen ich damals nicht kannte. Erst später, nachdem ich mich mit ihm unterhalten hatte, wusste ich, dass es eine Leier war.

Der Mann wollte die Straße überqueren, als plötzlich, ich weiß nicht warum, die Hupe eines vorbeifahrenden Autos ertönte. Als er auf den Bürgersteig laufen wollte, ist er gegen die Bordsteinkante gestolpert und auf seine Leier gefallen. Er wurde an der Brust verletzt und, da er sein Instrument zerbrochen hatte, versank er in einem beklagenswerten Zustand. Sein körperlicher Zustand und der psychische Schock erlaubten es ihm nicht, seine Leier aufzuheben. Ich hatte sie vom Boden aufsammeln müssen.


Der Mann konnte kein Französisch. Er sprach nur Altgriechisch. Mit meinen geringen Kenntnissen der alten Sprachen war unsere Verständigung sehr kompliziert. Seit vielen Jahren hatte ich keine Gelegenheit gehabt, seine Sprache anzuwenden, weil ich mich lange nicht mit Homer unterhalten hatte, aber letztlich mit viel Bemühung gelang es mir, mit ihm zu kommunizieren. Wie er mir später sagte, war sein Name Orpheus und er wollte den Laden betreten, der gerade vor uns war. In den Schaufenstern des Geschäfts könnte man alle Art von Musikinstrumenten sehen und über der Ladeneingangstür stand: Luthier du Maître Gérard Dupont. Ich begleitete Orpheus hinein. Zu Ehren der neun Musen, besonders Kalliopes, seiner Mutter, von der er die Begabung für die Musik und den Gesang geerbt hatte, wollte er zwei weitere Saiten in die Leier, die er von Apollon erhalten hatte, hinzufügen.


Maître Gérard Dupont sah Orpheus, der unsichtbar war, nicht und er dachte, dass ich psychisch krank sei, da ich in einer Sprache und mit jemandem, den er nicht sehen konnte, sprach. Ich hatte sogar das Gefühl, dass er wollte, dass ich seinen Laden verließ. Etwas ängstlich bat er mich, nach sechs Uhr wieder zu kommen, um die Leier abzuholen. Sie wäre dann repariert und habe zwei neue Saiten. Ohne etwas anderes zu sagen, gingen wir.


Dazu fühlte ich, dass Orpheus ein trauriger und melancholischer Mensch war. Aus seinen dunklen Augen drang ein schwermütiger Seelenschmerz. Mein Eindruck war, dass dieser Mann sehr unglücklich war mit einer schrecklichen Lebenseinstellung. Ich fragte mich, was ich für ihn tun könnte und ich dachte es wäre gut, mit ihm zu sprechen.


Wir gingen in die Avenue de l’Opéra an der Ecke der Rue des Petits Champs, wo es ein Starbucks coffee gibt. Bei Tisch sprachen wir über zwei Stunden im heiteren Gespräch, wobei er mir sagte, dass er der Sohn des Königs von Thrakien war. Als ich ihm erklärte, dass viele Künstler seine Sage dargestellt haben, einen Mythos, der seinen Namen und den von Eurydike trägt, begann er nochmal bitterlich zu weinen.


Nachdem ich ihm gesagt hatte, dass es in dem Louvre Museum eine Menge von solchen Gemälden gebe, wollte er sie sehen. Da wir nicht weit von dem Museum waren, gingen wir die Avenue de l’Opéra entlang, überquerten die Rivolistraße bis an den Carrouselplatz, von wo wir bereits die Louvre-Pyramide sehen konnten.


Im Inneren des Museums gingen wir durch viele Ausstellungsräume, wo Werke von Gustave Moreau, Pieter Bruegel der Ältere, Camille Corot, Nicolas Poussin und vielen anderen Malern hängen, welche die Orpheus und Eurydike Sage dargestellt haben. Vor jedem Bild weinte Orpheus unaufhörlich.


Als wir das Louvremuseum verließen, erzählte er mir, wie er eines Tages, neben einem Fluss spazieren ging, und dabei die Nymphe Eurydike, eine der Najaden traf und sie sich sofort ineinander verliebten. Mit seiner Leier und seiner Macht alle Arten von lebendigen Wesen, Menschen, Tieren und sogar Pflanzen zu verzaubern, faszinierte er auch Eurydike. In diesen Moment erinnerte ich mich, Ovids Metamorphosen gelesen zu haben, wo sich unter anderen Mythen der Orpheusmythos befindet.


Sie heirateten sofort, aber am Hochzeitstag wurde Eurydike von einer Schlange in die Ferse gebissen, nachdem sie versehentlich auf sie getreten war. Das starke Gift schaffte sie aus der Welt der Lebenden. Nach ihrem Tod trat sie unverzüglich in das Totenreich. Es war Orpheus selbst, der mir seinen eigenen Mythos erzählte.


Kennzeichnend für die Liebe zwischen zwei Menschen sind starke Gefühle der Anziehung von einem zu dem anderen. Diese sind oft undefinierbare und unkontrollierbare Emotionen. Der Geist hat nicht die Fähigkeit sein eigenes Selbst zu erkennen. Es gibt auch diejenigen, die glauben, dass die Liebe eine vergängliche Dummheit ist.


Zu diesem Zeitpunkt war Orpheus in einem Zustand der absoluten Traurigkeit. Er sagte, er sei nun bereit, in die Hölle zu gehen, um seine Eurydike zu holen. Ich bat ihn, mir zu erlauben, ihn zu begleiten. Seine Antwort war, dass es völlig unmöglich sei, aber es gäbe die Möglichkeit, seine Persönlichkeit anzunehmen, um dorthin zu gehen. Er hatte Angst, aber nicht vor der Hölle, sondern vor sich selbst. Er war einfach nicht sicher, ob er seinen Kopf nicht drehen würde, um seine geliebte Eurydike beim Verlassen der Hölle zu sehen.


Als Orpheus beim dem Versuch zu Maître Gérard Dupont zu gehen gefallen war, hatte sich mir die Form der Leier wie ein Stigma in die Brust geprägt. Nachdem ich akzeptiert hatte, dass ich im Begriff war mich in Orpheus zu verwandeln, begann ich sofort über meinen Besuch in der Hölle nachzudenken. Ich musste mich auf eine Herausforderung vorbereiten, die ich gerne angenommen hatte. Ovid bot mir an, mein Komplize zu sein und Dante wollte mir zusätzlich die neun Kreise der Hölle zeigen. Dante gab mir sogar einen Empfehlungsbrief für Charon, um mir zu helfen, den Fluss Acheron auf dem Gebiet der Toten zu überqueren. Ich wusste, dass es für jemanden, der nicht für die Hölle bestimmt war, fast unmöglich wäre hinein zu gelangen.


Schließlich nahm ich müde, bitterlich weinend und die schönsten Gebete singend den Weg zur Hölle, um meine Eurydike zu bekommen. Bevor ich meinen Abstieg in die Hölle begann, ging ich zu Maître Dupont meine Leier zu nehmen. Außerdem würde ich dem Leser anbieten mir zu folgen genauso, wie Virgil Dante seine Hand bot.


Als ich an der vorderen Tür des Totenreiches vorbeiging, atmete ich den allgegenwärtigen Geruch nach halb verfaultem Fleisch ein. Ich sah sofort eine Menge Verbrecher, die vor Schmerz stöhnten.


Zu dieser Zeit sah ich auch den Fluss, wo Charon mit seinem ziemlich flachen Höllenboot, die Seelen vom Bereich der Lebenden in das Totenreich überführte.


Als ich mich Charon näherte und ihm den Brief reichte, den Dante mir gegeben hatte, erhellte sich sein Gesicht vor Freude. Er hatte sich sofort an Virgil und Dante erinnert und, da es zu dieser Zeit keine Seele zu übertragen gab, konnten wir uns eine lange Zeit unterhalten. Obwohl er die Seelen für immer über den Fluss Acheron in die Totenwelt überführt, hatte er Mitleid für sie. Trotzdem stellten wir ihn in der christlichen Ikonografie mit einem langen, harten, rauen Bart dar. Kurz nach Überquerung des Flusses, begann ich einen langen Weg. Nicht weit davon war der Wächter Cerberus, ein monströser dreiköpfiger Hund, Wächter der Unterwelt. Überall waren schreiende, angsterfüllte Seelen.


Ich setzte meinen Weg fort und zum Glück erlaubten meine Leier und meine Melodie den ganzen Weg ohne Schwierigkeiten fortzusetzen, wenn auch sehr langsam. Vorangehend, nach rechts und nach links schauend, war ich verwirrt und erstaunt über alles, was ich sah. Es gab viele jetzt tote Leute, die ich im Laufe meines Lebens, gekannt hatte. Einige erkannten mich und versuchten sich mir zu nähern. Ich hatte keine Angst, weil ich ein mutiger Mensch bin, aber es hat mich zum Nachdenken gebracht und ich weinte.


Alles war ganz anders, als ich neben einem dunklen Raum vorbeiging, und sah, wie Männer und Frauen, jung und alt, alle nackt, in einer Orgie schwelgten. Sie aßen und tranken mit Leidenschaft. Sie gaben sich allen Arten von sexuellen Handlungen hin. Mit meinen Augen versuchte ich mich zu sehen, aber ich hatte kein Glück. Einige von ihnen schauten mich mit durch Laster verschmutzten Augen an. Weiter auf dem Weg konnte ich mit meiner Musik Ixions rollendes Rad anhalten und Tantalus Durst und Hunger lindern. Wenig später führte der Weg nach rechts und, nach einer engen Kurve, nochmal nach rechts, ich hatte das Gefühl den Schatten des Virgil und Dante zu sehen, aber die Dunkelheit des Ortes erlaubte mir nicht beide Bilder klar zu sehen und ich dachte es sei einer einfachen Sinnestäuschung.


Schließlich bin ich umgeben von Heulen weiter gegangen und am Ende eines langen Korridors voller schreiender und weinender toter Schatten kam ich in der Halle an, wo Hades der Herr der Hölle und seine Frau Persephone auf zwei großen Sesseln thronten.

 

 

 

Der Mensch hat immer Angst vor dem Tod gehabt. Die Angst vor dem Tod war immer in den Herzen der Menschen. Viele Religionen, Christentum, Judentum und Islam haben, unter anderem, eine Lösung für den Tod gesucht: Der Körper wird zerstört, aber die Seele überlebt. Dagegen ermöglichen Buddhismus und Hinduismus die Reinkarnation nach dem Tod, bis der Mensch von allen Bedürfnissen befreit ist und einen Zustand der völligen Ruhe mit dem Erlöschen aller Lebenstriebe das Nirvana erreicht.


Der Mensch ist ständig auf der Suche nach Befreiung von seiner Angst vor dem Tod. Der Tod ist aber der Weg, die absolute Ruhe zu erreichen und alle Freuden und alle durch den Körper und Geist verursachten Leiden zu stoppen. Der Agnostiker ist angesichts seiner Unfähigkeit über das Leben und über den Tod hinaus zu denken nicht in der Lage, eine Lehre oder einen Glauben über den Tod zu schaffen. Gott, Leben und Tod sind ständig hinterfragte Objekte ohne mögliche Antwort für ihn.


In einigen Zivilisationen glaubte man wegen der Angst vor dem Tod, dass es ein Leben nach dem Tod gab, und die Verstorbenen wurden mit allem, was sie später im nächsten Leben brauchen würden begraben. Auch Sklaven wurden mit ihren Herren begraben, um ihnen nach dem Tod zu dienen.


Orpheus und die Götter Dionysos, Herakles, Hermes so wie andere konnten an den Ort der Lebenden zurückzukehren, nachdem sie in den Raum der Toten gegangen waren, ebenso Orpheus, der in dem Mythos aus der Hölle herausfinden konnte. In den Mythen gibt es Wünsche, Erlebnisse und vieles andere, was durch die höhere menschliche Fantasie, geschaffen wurde.

 

In der großen Halle saß Eurydike neben Hades, dem Totengott und Herrscher der Unterwelt und seiner Frau Persephone der Totengöttin. Ich habe ihnen gesagt, dass meine Leidenschaft für meine Frau Eurydike mich zwang, sie aus der Domäne der Toten zu holen. Nicht die Neugier oder die Lust mit Cerberus zu streiten haben mich in die Hölle geführt. Also nahm ich meine Leier und fing an zu singen. Nachdem sie mit meiner Stimme und meiner Musik sehr zufrieden waren, bat ich sie tausendmal Eurydike mit mir ziehen zu lassen. Sie beide hießen mich, andere Melodien zu singen. Schließlich erlaubten sie mir, meine Eurydike mitzunehmen. Eine Bedingung wurde mir auferlegt: Ich durfte mich nicht nach Eurydike umdrehen, bis wir wieder in der Welt der Lebenden angekommen seien.


Ich ging schnell. Ich wusste, dass hinter mir die schöne Eurydike, meine liebe Frau, mir folgte. Ich spürte das Schlagen meines Herzens und Freude erfüllte meinen Körper. Ich war sicher, ich würde meinen Kopf nicht drehen, um sie zu sehen, bis wir draußen in der lebenden Welt sein würden. Der Weg war lang, sehr lang, und manchmal wollte ich meinen Kopf drehen, um sicher zu sein, dass sie mir folgte. Keuchend lief ich, um so früh wie möglich anzukommen. Alles war dunkel und still diesmal. Manchmal dachte ich, dass ich ihren Atem nicht fühlte und ich zweifelte, ob sie mir folgte. Die Versuchung war groß, sehr groß, aber mein Kopf zwang mich weiterzugehen, ohne ihn zu drehen. An einem Punkt des Weges dachte ich, dass wir schon weit weg von der großen Halle waren, wo in ihren Thronen Hades und Persephone herrschten und so stark war die Versuchung, dass ich meinen Kopf drehte. Gerade in diesem Moment wachte ich auf und vor meinem Bett sah ich das Bild von Eurydike, lächelnd, mit offenen Armen. Ich stieg aus dem Bett, um ihr näher zu kommen, aber mit jedem Schritt verblasste ihr Bild bis es völlig verschwand, als ich sie küssen wollte.

Jordi Rodríguez-Amat
August 2017

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